Anna Stangls Zeichnungen mögen auf den ersten Blick illustrativ wirken, wie Märchenbilder für Erwachsene – auf den zweiten offenbaren sie ihre Vielschichtigkeit und psychologische Tiefe. Es sind Entdeckungsreisen durch die menschliche Seelenwelt und deren Abgründe; nicht nur in ihrer Künstlerinnenbiografie ist Stangl eine Weitgereiste. In leicht ornamentalem Stil und mit grafischer Abstrahierung der Figuren führt sie uns ein Panoptikum an Beziehungen, Metaphern, Seelenzuständen und Emotionen vor Augen, in dem sie oft ihr poetisches Double die verschiedensten Selbsterfahrungen von Rätselhaftigkeit, Bedrohung, Intimität und Naturvertrautheit durchleben lässt. Dass die Zeichnungen wie Traumszenen wirken, ist der Grenzwanderung der Künstlerin entlang der Schwelle zwischen Bewusstem und Unbewusstem zuzuschreiben. Im tiefenpsychologischen Sinne könnten es auch subtile traumatische Szenen sein. Stangl ist jedenfalls keine naive Träumerin, sie kultiviert in ihren Bildern die „Idée vague“ und kreist in angedeuteten Denkfiguren um gegensätzliche Themen wie Natürlichkeit und Künstlichkeit, universelle Einbettung und individuelle Entfremdung, Beheimatung und Isolation.
Das Tier ist auf diesen Reisen ins Innere ihr Wahlverwandter, ihr Gefährte, nur selten ihr Gefährder, eher ein Geschöpf der Nähe als der Distanz. Es wird nicht gemieden, sondern bewusst aufgesucht, es wird anverwandelt und vermenschlicht im selben Zuge, in dem die Künstlerin um ihre eigene Verwandlung ringt. Die gegenseitige Mimikry wird zum Ausdruck für die Sehnsucht nach metaphysischer Einigkeit.
* 1961 in Salzburg
lebt und arbeitet in Wien
Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste Wien und an der der École des Beaux-Arts, Paris; Diplom 1987 in Malerei und Zeichnung
Arbeitsreisen nach Ost- und Zentralasien, Nord- und Südamerika, Australien, Melanesien
Stipendien u. Lehrtätigkeiten u.a. in Japan, China, Kirgistan, Kasachstan, Indien, Spanien, Tschechien, Paris, Ankara, Budapest, Deutschland