Salopp beschrieben zerbricht Ernst Miesgang Keramiken der Handwerkskunst und setzt sie mit Fremdteilen wieder neu zusammen. Die Stringenz seiner Kunst lebt von diesem klug inszenierten Gefälle zwischen Dekonstruktion und Rekonstruktion. Seine Porzellanobjekte ziehen uns in eine Bedeutungsambivalenz zwischen Vertrautheit und neuer Lesart. Ihre Rezeption pendelt zwischen Déjà-vu und Irritation, zwischen der Heimeligkeit von Tand und der Unheimlichkeit aufgebrochener Körper, zwischen gehobenem Kitsch und intelligenter Kunst, zwischen ästhetischer Anziehung und Abstoßung. Speziell die Tier-Objekte des Künstlers strapazieren banale Sehgewohnheiten und tauschen diese gegen eine voyeuristische Faszination ein, die ihre Spannung zu einem guten Teil aus der offensichtlichen Morbidität bezieht. Die Welt der Nippes kennt keine herausquellenden Porzellangedärme, keine fremdartigen Passstücke für versehrte Tiere, keine kruden, basiliskenhafte Hybridwesen. Die Inspirationsquellen für Miesgangs Plastiken liegen in medizinisch-anatomischen Modellen und naturhistorischen Sammlungen. Durch stilistische Nachahmung suggerieren sie einen wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt, der sich bei näherem Hinsehen als Fake-Strategie und gelungene Verführung entpuppt. Wissen und Täuschung sind die beiden Medaillenseiten, die der Unterscheidung trotzen, solange die Medaille golden genug glänzt. Miesgang illustriert mit seiner Kunst einen Wirklichkeitsbegriff, der seine Überzeugungskraft der vorgeblichen Plausibilität willkürlicher, fragmentarischer Zusammensetzung verdankt.
* 1980 in Linz
lebt und arbeitet in Wien